Dr. Rainer Kirchner im Gespräch

Die Zukunft hält Einzug ins Klinikum Nordfriesland: Es hat zum 1. Juli 2025 auf Initiative von Chefarzt Dr. Rainer Kirchner ein „Muskuloskelettales Zentrum“ gegründet, in dem alle konservativen wie operativen Therapien am Bewegungsapparat zusammengefasst werden. „Wir vereinigen unsere umfangreichen ambulanten und stationären Angebote rund um Gelenke, Wirbelsäule und alles, was diese stabilisieren und zusammenhalten unter diesem Dach und machen unser Leistungsspektrum zukunftssicher“, erläutert Dr. Rainer Kirchner die Zielrichtung des Zentrums.
Lieber Dr. Kirchner, Sie sind seit vielen Jahren als Chefarzt im Klinikum Nordfriesland tätig und jetzt Leiter des „Muskuloskelettalen Zentrums“. Das ist ein Begriff, der Fragen aufwirft. Können Sie uns kurz erläutern, was sich dahinter verbirgt?
Wir sind in den letzten Jahren im Bereich der Unfall-, Gelenk- und Wirbelsäulenchirurgie erheblich gewachsen. Sowohl im Hinblick auf die Menge, das Leistungsspektrum als auch auf das Angebot ambulanter Leistungen, was man ja in einem Klinikum gar nicht unbedingt erwartet.
In der Zukunft wird sich die Differenzierung der ärztlichen Fachkompetenz immer mehr in Orthopädie, Unfallchirurgie und Neurochirurgie aufspalten. Ärzte mit einer breiten Ausbildung, so wie ich sie aktuell – noch – im Team habe, werden immer seltener. Daher wollten wir ein Dach schaffen, unter dem sich diese genannten Einzeldisziplinen institutionell zusammenfinden, um die Koordination und die Abstimmungen zum Wohle der Patienten zu vereinfachen.
Das Zentrum besteht somit aus drei Teilbereichen?
Ja, es koordiniert die Unfallchirurgie, die alle akuten Unfälle und Verletzungen versorgt, die Orthopädie, die sich im Wesentlichen um die Gelenke im Körper kümmert, und das Wirbelsäulenzentrum, in dem sich Orthopäden und Neurochirurgen Wirbelkörpern und Bandscheiben widmen. Im letztgenannten Bereich bieten wir zudem eine gezielte komplexe Schmerztherapie an.
Sie sprachen auch von ambulanten Anlaufpunkten für Patienten?
Unser Klinikum hat an jedem Standort ein ambulantes medizinisches Versorgungszentrum angegliedert. In diese sind Praxen für Chirurgie, Orthopädie oder Neurochirurgie integriert. Mit allen arbeiten wir sehr eng zusammen – zum Teil personenidentisch.
Vielen Dank für die Erläuterungen. Lassen Sie uns zudem einen vertiefenden Blick auf die planbaren Gelenkeingriffe werfen. Wann wird außerhalb von Verletzungen ein Gelenkeingriff notwendig?
Ein solcher wird immer dann notwendig, wenn Schmerzen oder Bewegungseinschränkungen mit konservativen Maßnahmen nicht mehr therapiert werden können.
Nun wird den Krankenhäusern unterstellt, viel zu schnell zu operieren. Wann operieren Sie? Gibt es Strategien, um Eingriffe zu vermeiden?
Wir operieren erst nach einer drei- bis sechsmonatigen Phase, in der wir versuchen, die Gelenkprobleme konservativ zu behandeln. Dazu gehören medikamentöse Therapien (inklusive Hyaloron-Therapien), die Verordnung von Hilfsmitteln und / oder Physiotherapie. Gemeinsam mit der Radiologie führen wir bei Arthrosen sogenannte „Embolisationen“ durch, um Operationen noch zu verhindern.
Vielfach entstehen Gelenkprobleme durch Verschleiß – also Arthrose. Was empfehlen Sie, um Eingriffe möglichst lange hinauszuschieben?
Bei Übergewichtigen unbedingt eine Gewichtsreduktion. In jedem Fall viel Bewegung, umgesetzt mit möglichst gelenkschonenden Sportarten wie Schwimmen und Fahrradfahren. Gelenkbelastenden Sport, wie zum Beispiel Skifahren, nur in Maßen und mit Vorsicht.
Warum sollen sich unsere Leser für das Klinikum Nordfriesland entscheiden, wenn sie ein neues Kniegelenk benötigen?
Fahrten in weit entfernte Klinikstandorte sind wirklich nicht nötig. Wir bieten eine hohe Kompetenz, einen großen Erfahrungsschatz, ein modernes Mobilisationsprogramm und ein gut eingespieltes Team rund um alle Gelenk-Operationen an.
Für die Knie-Endoprothetik verfügen wir über einen sehr modernen OP-Roboter, der – eingesetzt von erfahrenen Operateuren -, sowohl bei der Navigation, der Festlegung der richtigen Implantat- Größe als auch bei der eigentlichen Operation eingesetzt wird. Er kann hochpräzise Schnitte setzen, ohne den Bandapparat zu verletzen. Dadurch werden eine hohe Passgenauigkeit und eine schnelle Mobilisation ermöglicht! Wir setzen den Roboter inzwischen seit drei Jahren mit großem Erfolg ein. 2024 haben wir 160 Patienten in dieser Vorgehensweise operiert. Darüber hinaus werden bei uns auch Teilprothesen bzw. Schlittenprothesen implantiert – je nach individuellem Befund des Patienten.
Viele Menschen „haben Rücken“ – wie können Sie helfen?
Wir verfügen über ein Wirbelsäulenzentrum, in dem Unfallchirurgen, Orthopäden und Neurochirurgen sehr eng zusammenarbeiten. Diese sind fast regelhaft auch in den schon erwähnten Praxen tätig und führen dort die konservativen Therapien durch. Die sich bietenden Optionen unterscheiden sich grundsätzlich nicht von den schon zuvor genannten.
Sehr häufig kommen Infiltrationen zur Behandlung von Schmerzen zum Einsatz. Dabei kommt ein Medikamentengemisch aus Lokalanästhetika, Kortison und gegebenenfalls weiteren Wirkstoffen zum Einsatz.
Was kann das Muskuloskelettale Zentrum insbesondere in der Sektion Wirbelsäule operativ leisten?

In hoher Zahl führen wir Operationen an den Bandscheiben und Wirbelkörpern durch: vom Austausch eines Wirbelkörpers in der Halswirbelsäule über die Operation von Bandscheibenvorfällen bis hin zur operativen Therapie von Wirbelsäulen-Verkrümmungen (Skoliose). Insgesamt haben bei uns schonende – also minimal-invasive – Verfahren Vorrang.
Müssen Schrauben oder Stäbe – zum Beispiel bei einer Versteifung oder Wirbelaufrichtung – „verbaut“ werden, bietet auch wieder eine moderne digitale Anwendung enorme Hilfe. Hierbei wird mit einem iPAD mit entsprechender Software eine optimale Passform – der Biegung der einzubringenden Stäbe – erreicht. Die Erfahrungen, die wir damit machen, fließen in aktuelle Forschungen und Datenerhebungen ein, deren Ziel es ist, für Wirbelsäulen-Operationen ein Navigationssystem zu entwickeln.
Vorhin erwähnten Sie im Zusammenhang mit der Wirbelsäulenchirurgie die Schmerztherapie?
Richtig. Wenn durch Medikamente keine Besserung bei chronischen Schmerzzuständen eintritt, bietet eine „Neuromodulation“ mit sogenannten „Schmerzschrittmachern“ eine Behandlungsalternative. Dabei legen wir feine Elektroden in den Spinalkanal am Rückenmark, um die Wahrnehmung des chronischen Schmerzes so zu verändern, dass dieser deutlich weniger stark in Erscheinung tritt. Ein Vorteil dieses Verfahrens ist, dass dabei keine nachteiligen strukturellen Veränderungen an der Wirbelsäule erforderlich sind und die eingebrachten Elektroden prinzipiell wieder entfernt werden können.
Abschließend noch zu Ihrer eigenen Person: Der Sprache nach stammen Sie nicht unbedingt aus dem Norden?!
Sie haben ein gutes Gehör (lacht)! Ich bin in Schwaben bei Ulm geboren und das hat meine Sprache sehr geprägt. Studiert habe ich in München. An der dortigen Uni war ich 10 Jahre lang tätig, später bin ich in die BG Klinik Hamburg- Boberg gewechselt. Nach Husum kam ich von der Uniklinik Lübeck, wo ich fünf Jahre Chefarzt war.
Bei Ihrer hohen Fachlichkeit entsteht zwangsläufig die Frage: Warum Nordfriesland? Wäre eine größere Klinik nicht viel interessanter für Sie?
Das hängt vor allem mit der Entwicklung im Bereich der Uni-Kliniken zusammen. Hier in Nordfriesland kann ich etwas aufbauen und weiterentwickeln. Ich kann viele Entscheidungen selber treffen und bin viel näher am Patienten. Und hier auf dem Land entsteht auch viel schneller eine menschliche Bezugsebene zum Patienten. Das alles schätze ich sehr und arbeite daher gerne in Nordfriesland.
Und noch eine abschließende Frage: Haben Sie schon etwas Plattdeutsch gelernt?
Selber sprechen kann ich es leider weiterhin nicht – das klänge sicher auch seltsam. Aber verstehen kann ich Plattdeutsch sehr gut. Meine Mutter stammt aus Itzehoe und ich war in meiner Kindheit und Jugend viel im Norden und habe es von dort mitnehmen können.
Herr Dr. Kirchner, vielen Dank für das Interview.
Michael Mittendorf
Kontakt
Dr. Rainer Kirchner
Leiter des Muskuloskelettalen Zentrum Klinik Husum
Erichsenweg 16 / 25813 Husum
Tel. 04841 2350
E-Mail: msz@klinikum-nf.de
www.klinikum-nf.de